Frage:
Einige Menschen behaupten, dass die meisten Gelehrten des Islam eine Madhhab (Rechtsschule) hatten, auf die sie sich bezogen, wie Imaam al-Bukhaarii und Ibn Taymiyyah und Imaam Abu Haamid al-Ghazzaalii. Daher ist also auch der Manhaj der Salafiyyin heutzutage eine Methodologie, die sich von dem Manhaj der Gelehrten der Vergangenheit unterscheidet, weil die Salafiyyin heute die Menschen ermutigen, sich nicht an eine bestimmte Manhaj zu halten; ist das wahr?

Antwort:
Die Antwort dieser Frage ist eine sehr weitreichend und facettenförmig:

Erstens: Was ist der Unterschied zwischen dem Annehmen einer Madhhab, dem lediglich blinden Befolgen einer bestimmten Madhhab oder dem fanatischen Befolgen einer Madhhab?
Es ist notwendig, dass wir zwischen diesen zwei Formen unterscheiden, damit die Angelegenheit nicht unklar oder verwirrend bleibt. Die Person, die eine Madhhab annimmt, wie die Hanbali-, Shaafi´ii-, Hanafi-oder Maaliki-Madhhab, wird nicht des Fehlers bezichtigt, weil sie keine (bestimmte, andere) Madhhab angenommen hat.

In der Tat nahmen viele Gelehrten des Islam, die für ihr Wissen bekannt waren, eine Madhhab an. Es war bekannt, dass sie diese Madhhab angenommen haben. Einige von ihnen waren Ahnaf (Anhänger des Hanafi Madhhab), oder Mawaalik (Anhänger des Maaliki Madhhab), oder Shawaafii (Anhänger des Shaafi´ii Madhhab) oder Hanaabilah (Anhänger des Hanbali Madhhab) und wurden deswegen nicht abgelehnt. Denn ihr Annehmen einer bestimmten Madhhab/Zuschreiben zu einer bestimmten Madhhab hinderte sie nicht daran, dass sie die Dalil (Beweise für Angelegenheiten des Fiqh) suchten. Jedoch haben sie nach ihrem Ijtihaad (Anstrengung, die richtige Antwort auf eine Sache zu erlangen) die Dalil benutzt, egal woher diese kamen.

Und wenn sie die richtige Antwort nicht fanden oder ihnen diese verborgen geblieben war, haben sie nach dem gehandelt, was sie als stärkste Ansicht in ihrer Madhhab ansahen. Niemals haben sie die Annahme von stärkeren Beweisen einer anderen Madhhab, untersagt noch davon abgehalten. Somit wird klar, dass sie keine blinden Anhänger ihrer Madhhab waren, sie waren lediglich einer bestimmten Madhhab angehörig.

Was denjenigen angeht, der niemals von seiner Madhhab abweicht und seiner Madhhab fanatisch folgt: Dieser folgt einer Madhhab fanatisch, blind und unwissend - auf tadelnswerte und beschämende Art und Weise.

Solch eine Anhängerschaft ist verhöhnt und abzulehnen, vor allem durch die Imaame der vier Madhhabs selbst, da sie alle die Aussage tätigten, dass alles, was von ihnen kommt und es im klaren Widerspruch gegen den Qur´aan und die Sunnah steht, so solle diese Ansicht verworfen werden!
Denn solch eine Anhängerschaft zu einer bestimmten Madhhab, stellt in der eigentlichen Natur eine Ablehnung gegen den Qur´aan und die Sunnah dar!

Also ist das bloße Äußern von Aussagen, die der Imaam seiner bestimmten Madhhab getätigt hat, oder was Menschen, die seiner bestimmten Madhhab angehören, sagen, verachtenswert und blindes Befolgen. Und es ist haraam für denjenigen, der in der Lage dazu ist, die Dalil zu ergründen.

Ich werde hier nicht darauf eingehen, was erlaubt, nicht erlaubt, oder waajib (verpflichtend) ist vom Taqliid (blindes Befolgen), da wir für diese Angelegenheit nicht ausreichend Zeit haben. Das ist somit der erste Aspekt meiner Antwort auf deine Frage.

Zweitens: Der Fragesteller erwähnte, dass die Gelehrten der Vergangenheit eine Madhhab hatten und er erwähnte einige Gelehrte der Vergangenheit, wie Ibn Taymiyyah, al-Bukhaarii und al-Ghazzaalii. Was al-Bukhaarii anbelangt, so gilt, dass er sich niemals einer bestimmten Madhhab zugehörig erklärt hat, in keiner Weise. Er (rahimahullah) war jedoch ein Mujtahid (jemand der dazu in der Lage ist, legale Rechtsurteile auf bestimmte Fragestellungen durch Erforschung (anhand von Beweisen) zu treffen). Und er war ein Imaam von den Gelehrten des Hadith und es gab vor und nach ihm viele andere Gelehrte, die sich keiner bestimmten Madhhab zugehörig erklärten.

Was Schaykhul-Islam Ibn Taymiyyah (rahimahullah) anbelangt, so wird jeder, der seine Bücher liest, sie ernsthaft studiert und er Wissen über die verschiedenen Aussagen oder Meinungen zu Fiqh besitzt, feststellen, dass Schaykhul-Islam ein Mujtahid mutlaq (einer, der absolut dazu in der Lage ist, legale Rechtssprüche anhand von Beweisen zu ergründen) war, trotz der Tatsache, dass er als Anhänger des Hanbali-Madhhab galt. Er hat stets die stärkste Meinung erbracht, die in Übereinstimmung mit den Dalil war, selbst wenn es von den Aussagen der Imaame der anderen Madhhabs sein sollte, wie von der Maaliki-, Shaafi´ii-oder Hanafi Madhhab.

Drittens: Was ich gerne erklären möchte, oh meine Söhne, ist die Ansicht vieler Gelehrten, dass es kein Fehler ist, wenn jemand, der Wissen in der Religion erstrebt oder dem, der sich in den Anfängen seiner Suche nach Wissen befindet, in den Büchern des Fiqh von einer bestimmten Madhhab liest - mit der Voraussetzung, dass er das Buch mit einem sehr belesenen Gelehrten liest, der ihm die Dalil für die verschiedenen Ansichten in einer Sache, in der bestimmten Madhhab erklärt. (1)

Danach, wenn er belesen und wissend wird, er es vermag, zwischen den verschiedenen Ansichten in Belangen des Fiqh zu unterscheiden und er die Möglichkeit besitzt, die stärkste Meinung mit Angaben über dessen Beweise und Zeugnisse herauszufinden, ist es nicht länger erlaubt, dass er sich fortan an einer bestimmten Madhhab festhält. Es ist jedoch waajib (verpflichtend) für ihn, dass er die Wahrheit basierend auf den Dalil sucht. Wenn er jedoch nicht dazu in der Lage ist, einen bestimmten Schluss anhand der Menge der ihm zugänglichen Dalil zu ergründen, kann er auf die Meinung seiner Madhhab, in der jeweiligen Sache zurückgreifen.

Viertens: Das Ende der Frage betrachtend, scheint es so, dass es eine gewaltige Pläneschmiederei gegen die Salafiyyin gibt. Es scheint so, als würden die Fragestellenden behaupten, dass die Salafiyyin die Gelehrten oder Imaame nicht akzeptieren (respektieren) würden - dies ist voreiliges, unbegründetes und dummes Geschwätz.

Es ist in unserer heutigen Zeit nicht möglich, alle Salafiyyin für die Fehler Einiger weniger unter ihnen zu bezichtigen. Einige der Salafiyyin haben Fehler begangen, aber das Bezichtigen aller Salafiyyin für die Fehler Einiger weniger, ist unakzeptabel. Da es zu den Fundamenten der Salafiyyah gehört, Liebe und Respekt für die Leute des Wissens und die Gelehrten zu empfinden sowie dass man ihren Vorzug und die Stellung, die sie besitzen, (er-)kennt. Und dass man versteht, (die Salafiyyin handeln so) dass sie niemanden als unfehlbar ansehen, außer den Gesandten Allahs (sallAllahu alayhi wa sallam).

Es ist, wie Imaam Maalik gesagt hat: „Von den Aussagen gibt es jene, die akzeptiert und jene, die verworfen werden, außer von dem Bewohner dieses Grabes (und er zeigte auf das Grab des Propheten, sallAllahu alayhi wa sallam).“ (2)

Was Abu Hanifah, Shaafi´ii, Ahmad und andere anordneten, war sogar die Widerlegung/Verwerfung dessen (von ihrem Madhhab), was Qur´aan und Sunnah widerspricht. Und es ist verpflichtend, dass man in Meinungsverschiedenheiten zu Allah und Seinem Gesandten (sallAllahu alayhi wa sallam) zurückkehrt, wie Allah, der Erhabene, sagt: „Oh ihr, die ihr glaubt! Gehorcht Allah und gehorcht dem Gesandten und jenen, die in Autorität über euch stehen. Und wenn ihr uneins über etwas seid, so kehret zurück zu Allah und Seinem Gesandten, wenn ihr wahrlich an Allah und den jüngsten Tag glaubt. Dies ist besser und passender für eine letzte Bestimmung.“ [Suratun-Nisaa´; 4:59]

Die Gelehrten sagten: „das Zurückbringen einer Angelegenheit zu Allah“ bedeutet, es zu Seinem Buch zurückzuführen. Und „das Zurückbringen zum Gesandten (sallAllahu alayhi wa sallam)“ bedeutet, dass es ihm persönlich zu Lebzeiten vorgetragen werden muss. Nach seinem Tod bezieht sich dies auf seine Sunnah.

Wenn wir uns also in Usul (erstrangige Angelegenheiten der islamischen Rechtsprechung) oder in Furu´ (zweitrangige Angelegenheiten der islamischen Rechtsprechung) unterscheiden, sind wir verpflichtet, zum Buch Allahs und der Sunnah Seines Gesandten (sallAllahu alayhi wa sallam) zurückzukehren. Und immer, wenn es einen klaren Text in einer Sache gibt, selbst in Furu´, gilt das Verständnis dieser Sache in Übereinstimmung mit den Texten (Qur´aan und Ahadith) und dass man alles andere, was dem an Aussagen und Meinungen widerspricht, verwirft.

Es wird authentisch überliefert, dass ash-Shaafi´ii sagte: „Die Muslime meiner Zeit waren ausnahmslos der Meinung, dass wenn jemand mit einer authentischen Sunnah des Gesandten Allahs (sallAllahu alayhi wa sallam) kommt, es dann nicht erlaubt ist, diese außer Acht zu lassen und die Ansicht eines anderen Menschen anzunehmen!“ (3)

Und die anderen Gelehrten außer ash-Shaafi´ii sagten dasselbe. Also haben die Gelehrten allesamt (die Annahme und) den Vorzug der eigenen Meinung abgelehnt. Als Beispiel werde ich die Aussage des großen Gelehrten und Imaam darlegen, den großen Taabi´ii (jene, die nach den Gefährten kamen): ´Amr Ibn Scharaahiil ash-Sha´bii, der sagte: „Seid gewarnt vor den Gleichnissen oder Schätzungen durch analoge Rückschlüsse. Ich schwöre bei dem Einen, in Dessen Hand meine Seele ist, dass wenn ihr anfangt, den Qiyaas (Gleichnisse durch Analogie) anzunehmen, damit beginnt, das Unerlaubte erlaubt zu machen und das Erlaubte unerlaubt zu machen. Also wenn euch etwas von dem, was die Gefährten des Gesandten Allahs bewahrten erreicht, dann haltet daran fest.


Schaykh ´Ubayd Ibn Sulayman Ibn ´Abdullah al-Jaabirii

Auszug aus einer Frage- und Antwortrunde mit dem Schaikh. Hierauf wurde folgende Frage gestellt.

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(1) Muhammad ´Iid al-Abbaasi sagt bezüglich Schaykh Muhammad Naasirud-Diin al-Albaani:
„Es ist wertvoll zu erwähnen, dass dies die Meinung unseres Lehrers (hafithahullah) ist. Er erwähnte mehr als einmal, dass es für die Menschen unseres Zeitalters verpflichtend ist, anzufangen Fiqh anhand einer der vier Madhhabs zu lernen, und dass sie die Religion von den Büchern (von einer der Madhhabs) lernen. Dann sollen sie sich stetig im Wissen weiterbilden ...
So sieht es unser Schaykh als bewiesen an, dass dies der richtige - in unserer Zeit mögliche - Weg ist, der befolgt werden kann. Denn das Befolgen des verpflichtenden Pfades, auf dem die Salafus-Saalih waren ist heutzutage unerreichbar und unmöglich, da es keine mujtahid-Gelehrte gibt unter den Menschen gibt. Somit können diese auch niemandem den Fiqh des Buches (des Qur´aans) und der Sunnah beibringen.
Daher gibt es nur zwei Möglichkeiten für die Menschen: Entweder werden sie in der Unwissenheit gelassen und ohne Verständnis und ziellos herumirren, oder aber sie lernen ihre Religion und erlangen Verständnis über die Regeln und Vorschriften, mit Hilfe einer der vier Madhhabs. Und ich bezweifle nicht, dass der letztere Weg schadensärmer als der erste Weg ist. Somit raten wir den Menschen, sich hiernach zu richten und diesen Weg zu unterstützen.“ (Bid´atut-Ta´assubil Madhhabii (2/112))

(2) Dass es die Aussage von Maalik ist, ist wohlbekannt unter den späteren Gelehrten. Ibn Abdul-Haadii erklärte es als authentisch in „Irshaadus-Saalik“ (227/1); Ibn Abdul-Barr in „Jaami´ul-Bayaanil-Ilm“ (2/91) und Ibn Hazm in „Usul Ahkaam“ (6/145, 179) berichtet es als die Aussage des al-Hakam Ibn ´Utaybah und Mujaahid; Taqii-ud Diin as-Subkii überliefert es, anhand der Schönheit der Aussage, von Ibn Abbaas in „al-Fataawa“ (1/148) und sagte danach: „Diese Worte waren die original Worte des Ibn Abbaas und Mujaahid, von denen Maalik es entnahm und hiermit berühmt wurde.“

Es scheint so, dass Imaam Ahmad diese Aussage von ihnen entnahm, wie Abu Dawud in „Masaa´il“ von Imaam Ahmad (Seite 276) berichtet: „Ich hörte Ahmad sagen: „Jeder wird angenommen und verworfen in seinen Aussagen, mit Ausnahme des Propheten (sallAllahu alayhi wa sallam)“.

(3) Verzeichnet von Ibnul-Qayyim in „I´laamul muwaafiqiin“ (2/361) und von al-Fulaanii in „Iqaadhul-Hamaam“ (Seite 68)


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