{يَا أَيُّهَا الَّذِينَ آمَنُوا كُتِبَ عَلَيْكُمُ الْقِصَاصُ فِي الْقَتْلَى ۖ الْحُرُّ بِالْحُرِّ وَالْعَبْدُ بِالْعَبْدِ وَالْأُنثَىٰ بِالْأُنثَىٰ ۚ فَمَنْ عُفِيَ لَهُ مِنْ أَخِيهِ شَيْءٌ فَاتِّبَاعٌ بِالْمَعْرُوفِ وَأَدَاءٌ إِلَيْهِ بِإِحْسَانٍ ۗ ذَٰلِكَ تَخْفِيفٌ مِّن رَّبِّكُمْ وَرَحْمَةٌ ۗ فَمَنِ اعْتَدَىٰ بَعْدَ ذَٰلِكَ فَلَهُ عَذَابٌ أَلِيمٌ}

„O die ihr glaubt, vorgeschrieben ist euch al-Qisaas (Wiedervergeltung) für die Getöteten: der Freie für den Freien, der Sklave für den Sklaven und das Weib für das Weib. Doch wenn einem von seinem Bruder etwas erlassen wird, so soll die Verfolgung (der Ansprüche) in rechtlicher Weise und die Zahlungsleistung an ihn auf ordentliche Weise geschehen. Das ist eine Erleichterung von eurem Herrn und Erbarmung. Wer aber nach diesem eine Übertretung begeht, für den gibt es schmerzhafte Strafe.“ (Surah Al-Baqarah 2:178)

Allah sagt: O ihr Gläubigen! Das Gesetz der Wiedervergeltung ist euch vorgeschrieben, der Freie für den Freien, der Sklave für den Sklaven und die Frau für die Frau. Deshalb übertretet nicht die gesetzten Grenzen, wie es andere vor euch taten, indem sie das änderten, was Allah ihnen vorgeschrieben hatte.
Der Grund für diese Aussage ist dass der jüdische Stamm Banu Nadir in der vorislamischen Zeit die Quraizah (einen anderen jüdischen Stamm) überfiel und besiegte. Daraus folgend machten sie es sich zum Gesetz, dass wenn eine Person von den Banu Nadir eine Person der Quraizah umbringt, sie nicht im Gegenzug getötet werden darf, sondern nur 100 Wasqs (60 Sa‘) Datteln bezahlen muss. Wenn jedoch eine Person der Quraizah eine Person der Banu Nadir töten sollte, würde sie dafür getötet werden. Wenn ein Nadir die Exekution des Mörders verwirken wollte und stattdessen ein Lösegeld verlangen wollte, musste der Quraizah 200 Wasqs Datteln bezahlen (das Doppelte vom Blutgeld des Nadir). Allah befahl also, dass Gerechtigkeit im Strafgesetzbuch eingeführt werden sollte und dass der Weg der irregeleiteten und boshaften Menschen vermieden werden muss, welche in Unglauben und Übertretung das Gesetz Allahs übertreten und verändern.

Allah sagt: „O die ihr glaubt, vorgeschrieben ist euch Wiedervergeltung für die Getöteten: der Freie für den Freien, der Sklave für den Sklaven und das Weib für das Weib.“

Allahs Aussage „der Freie für den Freien, der Sklave für den Sklaven und das Weib für das Weib“ wurde durch die Aussage (Leben für Leben) (Surah 5:45) abrogiert. Jedoch stimmt die Mehrheit der Gelehrten darin überein, dass ein Muslim nicht für einen Kafir getötet wird, den er getötet hat. Al-Bukhari überliefert, dass Ali berichtete, wie Allahs Gesandter (sallAllahu alayhi wa sallam) sagte: „Der Muslim wird nicht für einen Kafir getötet (den er tötet).“ (Bukhari, Nr. 111)

Es gibt keine Meinung, die sich damit wiederspricht, noch einen gegenteiligen authentischen Hadith. Jedoch war Abu Hanifah der Ansicht, dass ein Muslim für einen Kafir getötet werden konnte, indem er der allgemeinen Bedeutung der Surah Al-Ma’idah, Ayah 45 folgte.
Die vier Imame (Abu Hanifah, Malik, Schafi’ii und Ahmed) und die Mehrheit der Gelehrten sagten aus, dass die Gruppe für eine Person getötet wird, die sie ermordet hat. ‘Umar sagte bezüglich einer Gruppe, bestehend aus sieben Mann, die einen Jungen getötet hatte: „Wenn alle Menschen aus San’a (heutige Hauptstadt des Yemen) sich zusammen tun würden, ihn zu töten, würde ich alle töten.“
Es gab keine gegenteilige Meinung unter den Sahaba zu der Zeit, was einen klaren Ijma begründet. Es gibt eine Meinung, die Imam Ahmed zugeschrieben wird, dass eine Gruppe von Menschen nicht für eine Person getötet wird, sondern dass nur eine Person für eine Person getötet wird. Ibn al-Mudhir schrieb diese Meinung auch Mu’adh, Ibn Zubair, Abdul Malik bin Marwan, Az-Zuhri, Ibn Sirin und Habib bin Abu Thabit zu.

Allahs Aussage „Doch wenn einem von seinem Bruder etwas erlassen wird, so soll die Verfolgung (der Ansprüche) in rechtlicher Weise und die Zahlungsleistung an ihn auf ordentliche Weise geschehen“ bezieht sich auf die Akzeptanz von Blutgeld (durch die Angehörigen des Getöteten im Gegenzug für die Begnadigung des Mörders) in Fällen von absichtlichem Mord. Diese Meinung wird Abu Aliyah, Abu Sha’tha, Mujahid, Sa’id bin Jubair, Ata‘ al-Hassan, Qatadah, und Muqatil bin Hayyan zugeschrieben. Ad-Dhahak sagte, dass Ibn Abbas sagte: „Aber wenn dem Mörder vom Bruder (od. den Verwandten) des Getöteten (gegen Blutgeld) vergeben wird …“, was bedeutet, dass dem Mörder vom Bruder (od. den Verwandten des Ermordeten) vergeben wird und das Diyyah akzeptiert wird, nachdem die Todesstrafe für ihn fällig wurde, das ist die Vergebung (, die in der Ayah erwähnt wird).

Allahs Aussage „in rechtlicher Weise“ bedeutet, wenn der Angehörige damit einverstanden ist, das Diyyah anzunehmen, soll er seinen rechtmäßigen Anteil mit Güte annehmen: „in rechtlicher Weise und die Zahlungsleistung an ihn auf ordentliche Weise geschehen“ bedeutet, der Mörder soll die Vergleichsbedingungen akzeptieren ohne weiteren Schaden anzurichten oder die Zahlung abzulehnen.

Allahs Aussage „Das ist eine Erleichterung von eurem Herrn und Erbarmung“ bedeutet das Recht, das es einem erlaubt ist, Blutgeld für absichtlichen Mord zu akzeptieren, eine Erleichterung und Barmherzigkeit von unserm Herrn ist. Es erleichtert das, was von denen verlangt wurde, die vor uns waren, indem entweder die Todesstrafe angewandt wird oder die Vergebung.
Sa’id bin Mansur berichtet dass Ibn Abbas sagte: „Die Kinder Israels wurden verpflichtet, das Gesetz der Wiedervergeltung in Mordfällen anzuwenden und es war ihnen nicht erlaubt Vergebung anzubieten (im Gegenzug für Diyyah). Allah sagte zu dieser Ummah (der muslimischen Nation): „O die ihr glaubt, vorgeschrieben ist euch Wiedervergeltung für die Getöteten: der Freie für den Freien, der Sklave für den Sklaven und das Weib für das Weib. Doch wenn einem von seinem Bruder etwas erlassen wird, so soll die Verfolgung (der Ansprüche) in rechtlicher Weise und die Zahlungsleistung an ihn auf ordentliche Weise geschehen.“

Demzufolge bedeutet das Erlassen der Strafe (Vergebung) das Akzeptieren von Diyyah im Falle von absichtlichem Mord. Ibn Hibban verzeichnete dies auch in seinem Sahih. Qatadah sagte: „Dies ist eine Erleichterung von deinem Herrn.“

„Allah hatte Barmherzigkeit mit dieser Ummah, indem Er ihnen das Diyyah gab, welche keiner Nation davor erlaubt war. Den Leuten der Thorah (Juden) war es entweder erlaubt, die Todesstrafe zu verhängen oder dem Mörder zu verzeihen, aber es war ihnen nicht erlaubt, Blutgeld zu nehmen. Die Leute des Injiil (Evangeliums, die Christen) waren verpflichtet, dem Mörder zu vergeben, aber kein Diyyah war erlaubt. Diese Ummah (Muslime) darf entweder die Todesstrafe anwenden, oder vergeben und Blutgeld akzeptieren.“ Etwas ähnliches wurde von Sa’id bin Jubair, Muqatil bin Hayyan und Ar-Rabi‘ bin Anas überliefert.

Allahs Aussage „Wer aber nach diesem eine Übertretung begeht, für den gibt es schmerzhafte Strafe“ bedeutet, diejenigen, welche als Vergeltung töten, nachdem sie das Blutgeld angenommen haben, werden eine schmerzhafte und heftige Strafe von Allah erleiden. Das Gleiche wurde von Ibn Abbas, Mujahid, ‚Ata‘, Ikrimah, Al-Hassan, Qatadah, Ar-Rabi bin Anas, As-Suddi und Muqatil bin Hayyan berichtet.

Allahs Aussage „In der Wiedervergeltung liegt Leben für euch, o die ihr Verstand besitzt, auf dass ihr gottesfürchtig werden möget!“ (Surah Al-Baqarah 2:179) erlässt das Gesetz der Qasaas durch das Töten des Mörders und beinhaltet große Vorteile für uns. Auf diese Weise wird die Unverletzlichkeit des Lebens erhalten, weil der Mörder das Töten unterlässt, da er sicher ist, dass wenn er tötet, er selbst getötet wird. Demzufolge wird Leben erhalten.

In den vorangegangenen Büchern gibt es die Aussage, dass Töten weiteres Töten verhindert. Diese Bedeutung kommt in deutlicheren und wortgewaltigeren Begriffen im Qur’aan zum Ausdruck: „In der Wiedervergeltung liegt Leben (Die Rettung von Leben) für euch“
Abu Al-‘Aliyah sagte: „Allah machte das Gesetz der Wiedervergeltung zum „Leben“. Denn wie viele Männer, die darüber nachdachten, zu töten, ließen davon ab, weil dieses Gesetz sie daran hinderte, aus Furcht, dass sie selbst getötet werden.“
Ähnliche Aussagen wurden von Mujahid, Sa’id bin Jubair, Abu Malik, Al-Hassan, Qatadah, Ar-Rabi bin Anas und Muqatil bin Hayyan gemacht.

Allahs Aussage: „o die ihr Verstand besitzt, auf dass ihr gottesfürchtig werden möget!“ bedeutet: O, ihr, die ihr im Vollbesitz eurer geistigen Kräfte seid! Vielleicht werdet ihr dadurch davon abgestoßen, die Grenzen Allahs und was Er als sündhaft betrachtet, zu übertreten. Taqwa ist ein Wort, welches bedeutet, dass man alle Akte des Gehorsams ausführt und sich von allem Verbotenen fernhält.


Imam Ibn Kathir, rahimahullah

Aus dem Tafsir von Abu Al-Fida Ibn 'Umar Ibn Kathir; Band 1

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